„Na, war doch ne schöne Zeit damals!“

Aufgewachsen im Schwarzwald war die DDR für mich so weit weg wie Polen oder Ungarn. Wir hatten keine Verwandten drüben, schickten nie Pakete dort hin und fuhren auch nie rüber. Nie war ich in Ostberlin, kurzum: das, was man bei uns Ostzone nannte war mir unheimlich. Zwei meiner Jugendfreunde hatten allerdings einige ihrer Lieben in der DDR und waren dort das ein oder andere mal zu Besuch. Erzählungen über Transitstrecken, schlechtes Bier, Zwangsumtausch, Bananenknappheit und Karatschallplatten festigten in mir nicht gerade Vertrauen und Zuversicht, auch keine Neugier, eher Gleichgültigkeit.
Das ist sicher einer der Gründe, weshalb ich nach der Wende recht leicht mit ostalgischer Rhetorik zu füttern war. Die tollen Krippenplätze, der allseits sorgende Staat, der solidarische Zusammenhalt zwischen den Menschen und so fort. Und dann kamen wir Westler, haben drüben alle beschissen, alles zertrümmert und die Massenarbeitslosigkeit eingeführt. Eigentlich war ich das erste mal richtig in den neuen Bundesländern, also ich Ende 2002 für ein Jahr beruflich hin musste. Erst nach langen Fahrten durch Sachsen und Sachsen-Anhalt bekam ich einen Schimmer davon, was eigentlich durch die Wiedervereinigung passiert ist.

Was auf jeden Fall nie in der Ostromantik auftaucht, ist die Stasi und ihr ausgefeilter Überwachungsapparat. Ein Netzwerk von Spitzeln, das eine ganze Gesellschaft durchzogen und weit bis in den Westen gereicht hat. Wie effizient und menschenverachtend diese gigantische Kontrollmaschine funktioniert hat, davon bekommt man eine finstre Ahnung in der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. Durch die heutige Gedenkstätte führen oft ehemalige Häftlinge dieses Gefängnisses oder Menschen, die woanders im DDR-Knast saßen.

img_0387.jpg Die erste Station führt in den Keller, zu Kerkern, in denen politische Gefangene Tage und Wochen lang ohne Tageslicht, ohne Toilette, einfach ohne alles eingemauert wurden. Auch eine Gummizelle gibt es, schwarze weiche Wände, sonst nur Dunkelheit. Zwei Zellen konnten knöchelhoch mit Wasser gefüllt werden, kein Stuhl, kein Bett, nichts.

Oben noch mehr Zellen, mit Toilette, Pritsche, Stuhl und Tisch. Das Verhalten in der Zelle war streng geregelt. Tagsüber durfte man nicht liegen, nur auf dem Stuhl sitzen oder langsam hin und her gehen. Kniebeugen oder ähnliches waren verboten. Nachts musste man auf dem Rücken mit dem Gesicht zur Tür, Hände über der Decke schlafen. Das wurde alle drei Minuten kontrolliert, in dem das Licht angemacht und durch den Spion reingeblinzelt wurde.

img_0388.jpgIn den Gängen, durch die die Gefangenen geführt wurden, ist an der Wand ein Draht gespannt, der alle paar Meter mit Steckkontakten versehen ist. Daran konnten die Wächter ziehen, wenn ein Gefangener Probleme machte, und lösten damit Alarm aus. So einfach und billig kann Terror sein. Die Verhörräume, die 1989 genau so verlassen wurden, sind alle gleich: Plastikboden, billig furnierte Tische und Schränke, Stuhl, noch ein Stuhl, Gardine, zweckmäßig, einfach, praktisch. „Man darf nie vergessen, die Mitarbeiter des MfS, die hier die Verhöre leiteten, waren hoch motiviert“, sagt uns der Führer, ein netter untersetzter Herr Anfang 50. Vier Jahre hatten sie in Potsdam studiert, wurden sehr gut bezahlt und waren darauf gedrillt, politisch Verdächtige hier klein zu kriegen.

Unser Referent erzählt eine Anekdote nach der anderen, will in den knapp zwei Stunden so viel wie möglich rüber bringen über den Terror, wie die Menschen hier unter Druck gesetzt und zerbrochen wurden, bis sie ihre Freunde und die eigene Familie verrieten – auch wenn sie unschuldig waren. Seine Stimme zittert oft, „ich will jetzt dazu gar nicht mehr sagen“ kommt immer wieder und doch kann er nicht aufhören zu reden. Die Führung strengt ihn an, viel mehr als mich. Ich denke darüber nach, dass hier Menschen Willkür und Grausamkeit ausgeliefert waren, während ich nur 800 Kilometer entfernt im anderen Deutschland den Führerschein gemacht und aufs Abi gelernt habe. Jetzt lebe ich Luftlinie zwei Kilometer von diesem Knast weg und bin sehr glücklich, das Deutschland wieder eins ist und der Bunker eine Gedenkstätte.

Vom neuen Selbstbewusstsein der ehemaligen Stasi-Leute berichtet unser Guide, vom System der DDR, der Ideologie, die heute viel zu unkritisch gesehen werde und schon wieder salonfähig ist. Ein Gefangener, erzählt er, habe im viele Jahre nach der Wende im KDW den Mann erkannt, der ihn damals im Stasi-Knast in die Mangel genommen hat. „Sie haben mich verhört damals!“, brach es wohl aus ihm heraus. Der ehemalige Stasi-Mann meinte dazu nur: „Na, war doch ne schöne Zeit damals!“

1 Antwort zu „„Na, war doch ne schöne Zeit damals!““


  1. 1 Lloyd Juli 12, 2007 um 5:23

    Das sind doch alles echte, anständige Deutsche, die wo egal ob Linkspartei oder NPD gegen den schädlichen Liberalismus und destruktive Gedenkenfreiheit (Kuba! Chavez! – Die Menschenrechte sind teilbar!) Schild und Schwert waren und sind. Die Verlierer sammeln sich an den Rändern. Sie sind Verlierer, weil sie nicht kapieren wollen, dass Freiheit auch Einsatz und Mündigkeit verlangt. Ein Trost bleibt: die Schlimmsten sterben schnell weg…


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