Irgendwie erinnerte mich der Blick von der Terrasse der Orangerie an die Rennwoche in Baden-Baden. Fluffige Wolken zogen rasch über die Kasseler Karlsaue, zwischen aufwändig frisierten Hecken, kurz geschorenem Rasen und großen weißen Schirmen roch es nach beginnendem Sommer. Beschauliches Flanieren war angesagt, an Stehtischen wurde Schampus ausgeschenkt, nur die gesetzten Damen mit ihren Goldklunkern und riesigen Hüten mit Federn oder Ähren oder Platinnadeln fehlten. Aber es war nicht Rennwoche, sondern documenta, auf was der vor mir liegende Bau im Stil eines riesigen Gewächshauses hinwies.
Dort startete mein Nachmittag am Eröffnungswochenende, das abends in der Neuen Galerie endete. Dazwischen lag eine Weltschau von Objekten, Bildern, Installationen, Videos und Fotos, die sich in ihrer Anordnung und in ihren wechselseitigen Bezügen zu einer Art Gesamtkunstwerk zusammenfügten. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, ist es allerdings ein harter, steiniger, entbehrungsreicher und nicht selten deprimierender Weg. Denn die ausgestellten Einzelwerke sind größtenteils extrem sperrig, unzugänglich, geradezu abweisend und für mein Empfinden schlicht unästhetisch.
Aus meiner Sicht ist die schlichte Betrachtung einzelner Exponate gar nicht möglich, ohne sich jedes Mal auf eine Auseinandersetzung einzulassen mit dem Künstler, seiner Kultur, seinem sozialen Kontext und so fort. Denn nichts steht auf der documenta für sich selbst, alles ist Symbol, alles ist codiert, alles will decodiert werden. Gut, das ist bei Kunst immer so, aber hier wäre mir das in den meisten Fällen schwer gefallen, da mir fast alle Werke schlicht zu spröde waren, zu mies gemacht, zu eintönig. Alles ist mindestens so ernst wie eine Hinrichtung, keine Leichtigkeit, keine Augenzwinkern, keine Ironie – spaßfreier kann Kunst nicht sein. Die Auseinandersetzung mit der documenta als Kunstwerk an sich und den Ausstellungsstücken als Kunstwerke im einzelnen muss man ehrlich wollen!
Dazu ist ein Nachmittag allerdings zu kurz, zwei Tage erst recht und drei Monate vielleicht auch. Denn die documenta muss man sich erarbeiten. Wer sich ein entspanntes kunstsinniges Wochenende machen und zwischen dem Schönen und Wahren der Kunst wandeln möchte, der sollte lieber woanders hingehen, wohin weiß ich aber gerade auch nicht.
P.S.: Nach einer Stunde documenta wusste ich schon, was ich hier schreiben werde: „Die documenta ist die größte Scheiße, die ich je gesehen und der größte Beschiss, den ich je erlebt habe.“ Aber wie es eben mit vorschnellen Urteilen ist…

ich finde, es sollte erlaubt sein, etwas auch mal komplett scheiße zu finden. kunstkritik darf ruhig auch mal unsachlich sein, die wirkt eh immer ein wenig versippt. schön fand ich zum beispiel, wie ie documenta in “titanic” wegkam. aber lies selbst:
http://www.titanic-magazin.de/documenta.html
Hallo Heiko, ich finde es gut, dass du der Kunst eine Chance gegeben und ein wohl abgewogenes Urteil von poetischer Größe geliefert hast. Auch wenn das ganze Kunstbrimborium für nicht mehr gut ist als für einen Wochenendausflug an dem man sich am Dasein und dem Rumoren im eigenen Hirn erfreut. Was es echt nicht braucht ist die 100ste Variante der kleinbürgerlichen Regung “die wollen einen doch nur verarschen und machen sich einen Lustigen auf unsere Kosten.”
ich weiß gar nicht was Du hast. Dieser phänomenale Wandschmuck ist doch atemberaubend. Verblasst aber im Schatten der überragenden Büste daneben. Das ist ganz große Kunst.
Ich mag den letzten Abschnitt deines ansonsten okayen Kommentars überhaupt nicht, gehe da mit Rolf d’accord. Das hat so die Qualität von “die ganze neumodische Musik ist doch nur lauter Krach, modernes Theater wird von Psychopathen gemacht und Spitzweg war der letzte echte Künstler!”
Ansonsten verweise ich freundlich auf: http://www.artmag13.com
Ach Mathias,
der letzte Abschnitt bezieht sich ja nur auf die Eindrücke in der ersten Stunde auf der documenta. Wie ich mich recht erinnere, warst selbst du da an der ein oder anderen Stelle ratlos!
Wie gesagt bzw. geschrieben, man muss sich auf das Gesamtkunstwerk documenta einlassen, die schlichte Betrachtung einzelner Exponate bringt nicht viel. Die documenta kann eine interessante Sache sein, wenn man sie für sich zu einer interessanten Sache macht!
Ich weiß schon, wie du das meinst. Aber beim Lesen deines Kommentars kann man zu meinem Schluss kommen…
“Schönheit ist keine Eigenschaft in den Dingen selbst:
Sie existiert nur in dem sie betrachtenden Bewußtsein,
und jedes Bewußtsein nimmt eine andere Schönheit wahr.”
It’s not me who gave ‘birth’ those words, but I like to adopt them. And if I may, I could replace for ‘beauty’ all different kind of other lovely little words….
Take care p.Arty