Der Hund und sein Berliner

Der Frühling in Berlin kündigt sich durch ein ganz besonderes Ereignis an, dass in der Republik seines Gleichen sucht und wahrscheinlich sogar einmalig ist. Überall im Land stemmen sich zarte Schneeglöckchen oder Krokusse aus der Erde und strecken sich, kaum zeigt das Thermometer einige Plusgrade, dem blauen Himmel zu. Erste Büsche treiben aus, in denen Vögel sitzen und hoffnungsfroh vor sich hin fiepen. Erste Nestbauvorbereitungsarbeiten werden gestartet, alles regt sich und strebt nach vorne.

Den Leuten gefällt das. Sie ziehen den Schal nicht mehr ganz so eng um den Hals, lassen die Mütze zu Hause und bringen den Lieben gerne mal einen kleinen, selbst gepflückten Strauß der bereits erwähnten Schneeglöckchen mit. Langsam taut der Schnee auch in den Ecken weg, wo die Sonne nie hin scheint und die Steinchen, die die Räumfahrzeuge in schneereichen Gegenden durch die Luft geschleudert haben, werden auf Schaufel gekehrt und irgendwo hingebracht, wo sie nicht mehr zu sehen sind. Zuerst zeigen sich solche herzerwärmenden Tage naturgemäß im Süden des Landes, ziehen dann den Rhein hinauf bis nach Hamburg und auf der rechte Seite der Deutschlandkarte über Erfurt und Dresden bis hoch nach Rostock. Mittendrin passiert es natürlich auch. „Im Tale grünet Hoffnungsglück“, hatte Goethe einst dramatisch, aber nicht falsch, zu Papier gegeben. Nur in Berlin, da gibt es solche Tage nicht wirklich – ein Schatten liegt über ihnen.

Kacke

Denn in der gesamten Preußenmetropole, vor allem aber in dem Teil, der einst als Hauptstadt der DDR diente, taut in den Tagen der ersten warmen Sonnenstrahlen nicht nur die weiße Pracht von Frau Holle, sondern auch die gefrorene Hundekacke. Während der Schnee weg taut, tauen die Hundehaufen lediglich auf. Sei verschwinden nicht, sie werden reaktiviert. Manche warten schon seit Spätherbst darauf, vom Eis befreit zu werden um endlich wieder duften zu können. Der Hundehaufen befindet sich dabei in bester Gesellschaft, denn Berlin ist nicht nur die Hauptstadt der Deutschen, sie ist auch die Hauptstadt der deutschen Hunde. Auf einen menschlichen Bewohner kommen gefühlt drei Vierbeiner. Einen Hundehaufen aufzuheben und fußgängerfreundlich zu entsorgen liegt für den überwiegenden Teil der Hundehalter außerhalb jeglichen Vorstellungsvermögens. Das „Geschäft“, wie der Hundebesitzer sich auszudrücken pflegt, wird grundsätzlich liegen gelassen, und im Winter natürlich erst recht. Selbst die trotz leerer Kassen recht umtriebige Berliner Straßenreinigung zeigt sich in der kalten Jahreszeit machtlos, sind doch die Haufen entweder schlecht vom Schneematsch zu unterscheiden oder schlicht zugeschneit.

So entsteht über die Wintermonate ein interessantes Arrangement, dass seine ganz Pracht eben in jenen ersten Frühlingstagen entfaltet. Denn auch wenn Minusgrade die Hände in Handschuhe, die Füße in Stiefel und die Ohren unter eine Mütze zwingt, will der Vierbeinige Freund an die frische Luft, da und dort ein wenig Pipi verteilen, um sein Revier zu markieren und natürlich um das Verdaute wieder los zu werden. Doch offensichtlich platzieren sie das mit leicht angewinkelten und schlotternden Hinterbeinen Herausgepresste niemals an die gleiche Stelle und schon gar nicht dahin, wo bereits ein solcher Haufen von einem Artgenossen fallen gelassen wurde. Wie bei einem riesigen Puzzle werden so jeden Tag neue Teile dazu gesetzt, immer nebeneinander. Jede Nacht gefrieren die Haufen zu steinharten Klötzen, auf dass sich am Tage darauf das Ritual wiederholen kann. Immer enger wird es mit der Zeit, so das manche Puzzleteile bereits an die Sockel von Häuserwänden oder die Bäume geklebt werden müssen. Im Frühjahr ist das Puzzle dann fertig, jede freie Stelle ist belegt, es gibt keine Lücken mehr auf den Bürgersteigen – die Stadt ist zugeschissen.

Duft und Anmutung auftauender Hundeexkremente, die sich zu einem breiten Teppich vereint haben, sind außergewöhnlich und, um es vorweg zu nehmen, von kaum übertrumpfbarer Widerwärtigkeit. Die Haufen, die sich sonst farblich zwischen Pfifferling, Marmorkuchen und schwarzer Herrenschokolade bewegen, haben ein einheitliches hellgrau angenommen, was wohl dem Übergang vom fest gefrorenen in den matschig bis flüssigen Aggregatzustand geschuldet ist. Vielleicht handelt es sich, wie bei schlecht verpackt eingefrorenem Fleisch, um eine Art Gefrierbrand. Auch der Geruch unterscheidet sich stark von denjenigen seiner Gesellen, die beispielsweise in die grelle Abendsonne gepflanzt werden. Die graue, an die Farbe russischer Paradeuniformen erinnernde Masse hat seine Strenge verloren, dafür aber eine beißende Süßlichkeit angenommen, bei der einem schon nach wenigen Sekunden die Sinne schwinden und eine Ohnmacht kaum abzuwenden ist.

Mag sein, dass auch das ein oder andere Blümlein verschämt sein Köpfchen reckt, aber wer hat dafür schon ein Auge, einen feinen Sinn und frohen Mut? Ohnehin wächst in Berlin, in der Stadt hinter den sieben Bergen (Adenauer), alles viel später als sonst wo. Kein Wunder!

Komischerweise scheint dies die Hundebesitzer selbst in keiner Weise zu belasten, ja sie scheinen davon nicht einmal Kenntnis zu nehmen. Ihre Hunde manövrieren sie wie Blinde durch das enge Minenfeld aus grauen Haufen, gierig wird die erste warm Luft eingesogen, von Schwindel und Brechreiz, hirnlähmender Aggression und Weltuntergangsphantasien keine Spur. Man wartet einfach mit seinem besten Freund auf die Stadtreinigung, die irgendwann kommen wird, so sicher wie das nächste Bier am Kiosk.

Ein kleines Erklärungsgerüst ist freilich schnell zusammen genagelt, um dieses Phänomen, das gerade in den Ost-Stadtteilen zum tragen kommt, einzurahmen. Der Ostberliner fühlt sich als Wendeverlierer und würde am liebsten auf alles kacken. Die Metapher des „auf etwas scheißen“ richtet sich hier auf die Lebensumstände, die Hoffnungslosigkeit und die mangelnden beruflichen Perspektiven, die soziale Desintegration und die vermeintlich verlorene Wärme und Heimeligkeit der DDR. Natürlich kann einem alles egal sein, doch das reicht dem gemeinen Friedrichshainer und Lichtenberger nicht aus. Denn sein Zeichen gegen die Situation an sich ist der Hund, der symbolisch für ihn auf alles kackt, alles zukotet auf das die Welt darin ersticke.

Das entlastet den Ostberliner ungemein. Denn im Kern ist er ein fröhlicher Zeitgenosse, der seine gute Laune nur gerne gegenüber Fremden mit Muffigkeit, starrem Blick und rüpelhaftem Gebahren tarnt. Im Sommer wird schon morgens um halb acht mit Hund vor der Kneipe auf der Bierbank das erste Pils genossen, da lacht der Ostberliner und freut sich des Lebens, geschissen ist auf Hartz IV, hat der Hund eben erledigt.

Dieses Verhalten der abgestammten Einwohner pervertiert der Zugezogene. Egal ob aus der schwäbischen Provinz, aus Frankfurt am Main oder aus dem Sauerland – Hunde braucht man mindestens zwei, denn man will noch auf mehr kacken, man findet alles noch verurteilungswürdiger, vor allem den Kapitalismus und die Globalisierung, den ganzen Dreck eben von den Bonzen da oben und da hinten und wo auch immer. Shampoo, Schnitzel, Mütze oder so ähnlich müssen die Hunde heißen, rote Halstücher tragen und vor allem von erschreckendem Äußeren sein. Während der Alteingesessene durchaus den Kurzhaardackel oder den Pudel sein eigen nennt, muss es bei den Neuberlinern eine krude Mischung am besten aus allen Rassen sein.

Den gepflegten Windhund oder einen „Golden Retriever“ sieht man auf den Bürgersteigen von Hamburg oder München alle Nase lang, doch Grazie und Anmut bei einem Tier sind hier verpönt. Rassehunde mit Stammbaum gelten als degeneriert und dekadent – mit denen lässt sich in Sachen Prostest nichts anfangen. Der Berliner Hund des Zugezogenen kann gar nicht räudig genug sein. Am besten hat er schon eine solide Tierheimkarriere hinter sich und stammt aus einer Familie, in der er von sadistischen Kindern alkoholkranker Eltern mit aller infantilen Boshaftigkeit und Kreativität gefoltert wurde, um dann in einer finsteren Winternacht an einen Laternenpfahl gekettet seinem Schicksal überlassen zu werden. Und hässlich muss er sein, irgendwie wie aus verschiedenen Hundeteilen zusammengesetzt, die nicht zueinander passen wollen. Stumpfes Fell und trübe Augen gehören zum Standard. Der lebendig gewordene hässliche Hass auf alles und jeden – mit dem lässt sich auf wirklich alles richtig verachtend loskacken.

Vergangenen Sommer hat eines Nachts ein – trotz später von der Presse hartnäckig verfolgter – bis dato Unbekannter kleine Fähnchen in alle Hundehaufen im Stadtteil Friedrichshain gesteckt, auf denen etwas stand wie „Stinkt zum Himmel“, vielleicht war es aber auch eine politische Botschaft, ich kann mich nicht erinnern.

0 Antworten zu „Der Hund und sein Berliner“



  1. Noch keine Kommentare

Eine Antwort schreiben




a

Archiv

Kalender

Mai 2007
M D M D F S S
    Jun »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031