Archiv für Mai 2007

Blut am Hals der Katze

Nein, hier wird nicht die millionste Geschichte darüber stehen, wie jemand mit der Bahn in eine andere Stadt fahren wollte, um auf ein Konzert zu gehen, auf das er sich seit Monaten gefreut hat, doch Blitzschlag und umgefallene Bäume die Fahrzeit um 185 Minuten verlängerten, wie sich das Bahnpersonal auszudrücken pflegt, das Konzert bei Ankunft bereits vorbei war und sich danach auf dem Bahnsteig grün und blau geärgert wurde. Und auch nichts darüber, wie sich Bahnreisende gebärden, wenn aufgrund der Verspätung ein alkoholfreies Freigetränk im Bistrowagen wartet. Erwähnenswerter wäre da schon, dass selbst bei pünktlicher Ankunft das Konzert verpasst worden wäre, da der Veranstalter sich kurzfristig entschlossen hatte, die Sache ans andere Ende der Stadt zu verlegen. So standen meine ortsansässigen Freunde kurz vor Beginn des Konzerts der Tiger Lillies vor einer verschlossenen Halle in der Ödnis eines rechtsrheinischen Kölner Stadtteils und waren so beschissen dran wie wir im Regionalexpress zwischen Essen und Duisburg. weiterlesen ‘Blut am Hals der Katze’

Klare Ansage

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Gesehen in Dresden!

Evil Empire

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Das „TanteJu“ in Dresden ist definitiv nichts für die Freunde feingeistiger Konversation bei einem guten Glas Rotwein und hausgemachter Lasagne. Wohl fühlt sich dort der Flaschenbierfreund, der keine Angst vorm Dunkeln hat und auch nicht davor, beim Kontakt mit den Sitzmöbeln (alte Flugzeugsitze zudem) einen häßlichen Fleck auf die weiße Jeans zu bekommen. 200 Leute waren vergangenes Wochenende da, als Alec Empire, Frontmann von Atari Teenage Riot und Labelchef bei Digital Hardcore, auf die Bühne stieg. Es hätten noch 100 reingepasst, aber 16 Euro Eintritt – für die man in München wahrscheinlich nicht mal in einen drittklassigen Laden mit Alleinunterhalter an der Bontempi-Orgel kommt – sind im Osten eben eine Menge Geld.

Die Band langte jedenfalls hart zu, schnelle und treibende Beats mit schrägen Gefrickel aus Apple und Keyboard und die Fangemeinde pogte los, wie es bei Konzerten diesen Zuschnitts eben Brauch ist. Empires Gesang zwischen Sex Pistols und Rage against the Maschine knallte direkt ins Hirn und blieb dort stecken. Keine Ahnung, wie lange das Konzert gedauert hat, auf jeden Fall war’s schnell, heftig, extatisch und plötzlich vorbei. Techno, Hardcore und Punk mit einem Schuss Gothic drin, einmal umgerührt und auf ganz laut gestellt – für mich eine runde Sache.

Gutes Wedding, schlechtes Wedding

Die Daily Soap auf der Bühne ist bereits mit Folge 50 am Start, aber quer Einsteigen ist kein Problem. Habe ich am Wochenende auch gemacht und mich köstlich amüsiert. Das Primetime-Theater im Wedding – gegenüber vom Arbeitsamt – ist eine lustige kleine Butze, wo die Darsteller die acht Euro Eintritt noch selbst kassieren, man auf einem der rund 100 am Boden festgenagelten Klappstühlen sitzt und Bier nebst Erdnüsse mit in die Vorstellung nehmen darf und soll. Publikum und Zuschauer kennen sich größtenteils, die Fans der Serie werden mit Handschlag begrüßt.

Die fünf Schauspieler bringen rund 20 Rollen auf die Bühne. Ob Arbeitsamtsdirektorin Schinkel mit hartem Sachsenakzent, der Türkenproll Murat oder Onkel Ahmed, alle sind irgendwann unterm Dönerspieß vereint. Geil bei Folge 50. „Süpermän“: Die perfekte Parodie auf die gecasteten Girlbands von „DSDS“ – zum Wegwerfen und alles irgendwie nah dran am Wedding. Der ist ja schon sehr eigen, der Stadtteil, mit einer ganz eigenen Melancholie…

Das Publikum dreht natürlich bei jedem gelungenen Witz völlig durch. Da wird gepfiffen und geschrien, das es nur so eine Freude ist. Also, Besucher und Bewohner dieser Stadt, besucht den Wedding und das Primetime-Theater und schaut „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“.

Charme des Ostens

Die Ostpro ist die Messe für Ostprodukte und ich frage mich, ob die auch im Westen schon mal auf Tour war. Dieses Jahr auf jeden Fall wieder ein großer Auftritt im Velodrom mit vielen Stars: Thüringer Bratwurst und Bockwurst vom Roß feat. Bautzener Senf, Dinkelchen feat. ImNu – Malzkaffee und special guest MC Schwarzbier aus Köstritz.

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In Sachen Werbung und Marketing gibt es beim ein oder anderen Produkt allerdings noch Entwicklungspotential. Bei „Herz Gut“ mussten leider die Photoshop-Kenntnisse der Nichte des Chefs reichen, um den eigentlich wunderbaren Markennamen in einen vage an ein Herz erinnernden Heißluftballon zu pressen. „Herz Gut“ hätte sonst sicher schon längst die Republik erobert. Kann natürlich auch gut sein, dass eine hochbezahlte Werbeagentur mit ihren Kreativen dahinter steckt – dann bitte ich um Erklärung an dieser Stelle.

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Richtig Appetit macht natürlich die Harzer Blasenwurst. Meiner Meinung nach wird hier das in Dorfmetzgereien beliebte Verkaufsargument „im Naturdarm“ deutlich geschlagen. Wurst in der leckeren Schweineblase, wer kann dazu schon nein sagen…? Also ich nicht! War mir dann aber doch zu fett und zu stark gewürzt.

Die Katze auf dem warmen Blechdach

 

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Wer hat sie nicht schon x-mal gesehen, die Verfilmung mit Paul Newman als Brick und Liz Taylor als Margaret. Genauso wie ich mir kaum vorstellen kann, dass Woyzeck anders aussehen könnte als Klaus Kinski, ist es fast nicht mehr möglich, die beiden Rollen unabhängig von diesen Schauspielern zu sehen. Um im Schädel Zementiertem ordentliche Risse beizubringen, hilft wie so oft, ein Theaterbesuch.

 

Erfreut haben mich bei der Inszenierung an der Schaubühne nicht nur Jule Böwe und Mark Waschke in den Hauptrollen und die Bühnenlegende Kirsten Dehne – für die übrigens Thomas Bernhard eigenes eine Rolle in „Ritter, Dene, Voss“ geschrieben hat und an dessen Aufführung weiland in Freiburg, natürlich ohne Kirsten Dene, ich gerne zurück denke – als Big Mama, sondern natürlich Sepp Bierbichler als Big Daddy. Keiner kann wahrhaftiger als Bierbichler „Scheißdreck“ oder „abkratzen“ sagen. Auch könnte ich den ganzen Abend nur auf seine Hände schauen. Bierbichler auf der Bühne zu sehen ist immer ein Genuß, seine Interpretation des Big Daddy zwischen Resignation, Hoffnung und Verzweiflung eine Offenbarung.

Nun zum Kern der Sache und zur eigentlichen Überraschung, bevor ich noch vor Begeisterung über das Bühnenbild von Jan Pappelbaum und über die Idee der Bühne ohne Fluchtpunkt völlig aus dem Häuschen gerate. Denn nicht nur das ganze Drumherum ist anders, die Geschichte ist eine andere. Denn was im Film nur völlig verdruckst und in wagen Andeutungen im Verschwommen bleibt, ist ein zentraler Handlungsstrang des Stückes: Die Homosexualität Bricks. Im Film entsteht nämlich der Eindruck, Brick fängt das Trinken und Rumhängen an, weil er als Sportler gescheitert und in der Ehe unglücklich ist. Der Tod seines Freundes Skipper scheint lediglich der berühmte Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen und Brick zum Absaufen gebracht hat.

Auf der Bühne stellt sich die Sache anders dar. Zwischen Skipper und Brick gab es eine homoerotische Beziehung. Skipper war schwul und in Brick verliebt, der diese Liebe aber nicht erwidern wollte. Durch Ehe mit Margaret versucht Brick, sich dem Druck, der auf dieser mehr als innigen Männerfreundschaft lastet, zu entziehen. Das ist auch der Grund, weshalb Brick und Margaret nicht miteinander schlafen. Schließlich konfrontiert Margaret Skipper mit seiner geheimen Liebe zu Brick, Skipper lässt sich von ihr verführen, um das Gegenteil zu beweisen, und bringt sich danach um.

Der lange Dialog – im Film glaube ich im Keller – zwischen Brick und Big Daddy, als der Vater weiß, dass er „abkratzen“ muss, dreht sich hauptsächlich um diese Männerfreundschaft und den Tod Skippers, an dem Brick zu zerbrechen droht. In dessen Verlauf wird das homosexuelle Verhältnis explizit angesprochen. Big Daddy, der „das Leben kennt“, bringt sogar Verständnis auf für Bricks Neigungen. Dabei wird immer deutlicher, wie zerrissen Brick ist: Zwischen seiner Sehnsucht nach und Trauer um Skipper und den äußeren und inneren Zwängen, die ihn vor sich her treiben.

Interessant also, wie die Hollywood-Zensur in den 50-er Jahren offensichtlich funktioniert hat. Der Film ist trotzdem toll, aber das Stück selbst ist doch deutlich vielschichtiger.

Akte X: Begebenheiten der bizarren Art

Folgende Geschichte wurde mir vor ein paar Tagen von Anna berichtet: Sie lag, wie es in der Berliner Party-Szene üblich ist, gegen Mittag noch tief schlafend im Bett, als unvermittelt die Tür ihres WG-Zimmers aufsprang. Im Zimmer stand eine Frau mit weißen Handschuhen an und schaute sich um. Als die Unbekannte scheinbar überrascht bemerkte, dass um diese Zeit noch jemand am pennen ist, sagte sie bestimmt: „Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an!“ Und schon war sie auch wieder raus aus dem Zimmer.

Da es kaum etwas gibt, was Anna aus der Ruhe bringen kann, tat sie wie geheißen und ging neugierig in den Flur. Dort wiederum standen noch zwei Menschen mit weißen Handschuhen, wovon sicher einer als Kommissar der Berliner Kriminalpolizei vorstellte. Man ermittle in einem Mordfall und werde jetzt die Wohnung durchsuchen.

Auf die Frage, was die Polizei denn suchen würde, wurde folgende Story präsentiert: Man suche nach dem Foto einer ermordeten Frau, allerdings nicht zu ihren Lebzeiten aufgenommen, sondern danach. Zeugen hätte ausgesagt, dieses Foto genau in dieser Wohnung hier gesehen zu haben. Zudem hätten diese behauptet, das Foto müsste auch noch in der Wohnung sein. Mehr war den behandschuhten Beamten nicht zu entlocken, weder um wen es sich bei der Toten handle noch wer diese ominösen Zeugen seien.

Während nun Annas Fotoalben durchgeblättert und allerhand Dinge in allen Zimmern ausgeschüttelt und umgedreht wurden, fragte man sich dann doch, was es mit der ganzen Sachen auf sich hat. Schließlich ist die Fluktuation in der WG groß und ständig übernachten irgendwelche Menschen in irgendeiner Ecke, da man für die Wohnungstür keinen Schlüssel braucht. Vor einen halben Jahr habe jedenfalls, so Anna, wohl ein Künstler in der WG gewohnt, bevor sie eingezogen sei. Der habe aus anatomischen Büchern Leichen abgemalt. Aber komische Typen seien hier an der Tagesordnung.

Wenn mir die Story irgend jemand anderes erzählt hätte, ich hätte sie auch nicht geglaubt.

Entspannte Karibik

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Mitte Dezember haben wir auf Tobago eine Postkarte für unsere Freundin Silke in Köln eingeworfen, gestern ist sie angekommen. Scheinbar werden die Briefkästen in der Karibik nur einmal im Quartal geleert. Aber halt! Sitzen wir da nicht wieder dem billigen Klischee des ewig tranigen, grasumnebelten Rastas auf? Der schon das Öffnen des Briefkastens bei dieser Hitze und Luftfeuchtigkeit als unzumutbare Sklavenarbeit empfindet und sich danach erstmal vier Monate in die Hängematte legen muss, Kopf auf den Postsack? Könnte das Kärtchen nicht ebenso von einem wurstigen Kölner Postbeamten monatelang in irgend einem Sack in der Ecke vergessen worden sein?

Eine Frage, die wohl auf ewig unbeantwortet bleiben wird.

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